Regierung in Erklärungsnot. Panik auf Bestellung?

Das Bundesinnenministerium unter Horst Seehofer (CSU) soll im März 2020 Wissenschaftler mehrerer Forschungsinstitute und Hochschulen für politische Zwecke eingespannt haben. Aufbauend auf deren Modell sei ein Papier erarbeitet worden, das über eine Million Corona-Tote in Deutschland prognostizierte.

Das Ministerium habe die Forscher des Robert-Koch-Instituts (RKI) und anderer Einrichtungen in der ersten Welle der Corona-Pandemie mit der Erstellung eines Rechenmodells beauftragt, berichtet die „Welt am Sonntag“.

Basierend auf diesem Modell wollte das Ministerium dem Bericht zufolge strenge Corona-Maßnahmen rechtfertigen. Markus Kerber, der Staatssekretär im Innenministerium habe die Forscher in einer Mail gebeten, ein Modell zu entwickeln, auf dessen Basis „Maßnahmen präventiver und repressiver Natur“ geplant werden könnten.

Juristen hätten den Schriftverkehr in einer rechtlichen Auseinandersetzung über mehrere Monate mit dem RKI erstritten. Den E-Mails zufolge erarbeiteten die Wissenschaftler in vier Tagen Inhalte für ein „Geheimpapier“ – dieses blieb am Ende jedoch nicht geheim und fand seinen Weg in die Medien. Darin wurde ein „Worst-Case-Szenario“ berechnet, laut dem in Deutschland mehr als eine Million Menschen am Coronavirus sterben und sich über 57 Millionen infizieren könnten, wenn das gesellschaftliche Leben so weitergeführt werden würde wie vor der Pandemie.

Das 17-seitige Papier mit dem Titel „Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen“ gab Bundesinnenminister Seehofer am 18. März 2020 in Auftrag. Es warnte im schlimmsten Fall vor einer „Kernschmelze“ der deutschen Wirtschaft und einem Rückgang des Brutto-inlandsprodukts um 20 Prozent. 

Ralf Stadler sagt: „Es entsteht der Eindruck, dass die Bundesregierung die  wissenschaftlichen, evidenzbasierten Wege verlassen hat, um ihre Corona-Politik durchzsetzen. Es ist unverantwortlich, dass viele Bürger ihre Existenz bedroht sehen und die maßgeblichen Entscheidungen der Regierung vermutlich auf „Fake-Fakten“ beruhen.  

In dem Papier wurde außerdem festgehalten, dass Experten diese hohe Anzahl an Toten prognostizieren, wenn sie danach gefragt wurden „was passiert, wenn nichts getan wird“. „Ein Expertenteam von RKI, RWI, IW, SWP, Universität Bonn/University of Nottingham Ningbo China, Universität Lausanne und Universität Kassel bestätigt diese Zahlen mit einem für Deutschland entwickelten Gesamtmodell“, heißt es in dem Papier.

https://www.cicero.de/innenpolitik/Innenministerium-papier-referatsleiter-stephan-kohn-kritik-zahlen-tote-kollateralschaeden/plus
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87873440/corona-papier-von-stephan-kohn-aus-dem-innenministerium-war-nicht-erster-alleingang.html

Stephan Kohn, Oberregierungsrat und Referent im Innenministerium, und Mitglied der SPD, wirft der Regierung vor, der Lockdown sei ein Fehlalarm gewesen. Die Kollateralschäden seien größer als der Nutzen. Kohn hat seine verheerende Bilanz der Corona-Maßnahmen als offizielles Papier des Referats „Schutz kritischer Infrastruktur“ ausgegeben, einem von sechs Referaten der Abteilung „Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz“. Dort ist der Beamte (A14) Referent und leitet ein Projekt „Erneuerung der nationalen KRITIS-Strategie“ Der Mann wurde mittlerweile beurlaubt. Doch renommierte Wissenschaftler geben ihm in einigen Punkten Recht. 

Das Papier zur Corona-Krise hat eine drastische Botschaft: „Globaler Fehlalarm“, der Staat müsse sich womöglich den Vorwurf gefallen lassen, „einer der größten Fake-News-Produzenten“ gewesen zu sein. Statt Tote zu verhindern, verursache die Maßnahme als Kollateralschaden weit mehr Tote.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) hatte den Vorfall damals in seiner Pressekonferenz erwähnt. Problematisch sei besonders, dass der Eindruck erweckt worden sei, die von dem Beamten „private Meinung“ stelle die Auffassung des Ministeriums dar.

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